Ein offener Brief von Schwarzen Künstler*innen und Kulturschaffenden an Schweizer Kunstinstitutionen

Aktualisiert: 19. Okt. 2021

In einem offenen Brief fordern über 50 Schwarze Künstler*innen und Kulturschaffende, die beruflich in der Schweiz tätig sind, Schweizer Kunstinstitutionen und -organisationen auf, ihre symbolischen Bekenntnisse in den sozialen Medien gegen strukturelle Diskrimierung von Schwarzen Personen, in konkretes Engagement in den eigenen Häusern zu übersetzen.


Schweiz, 9 Juni 2020


Wie werden Sie in Zukunft Schwarze Künstler*innen und Kulturschaffende proaktiv unterstützen? Wie werden Sie aktiv Strukturen der White Supremacy und die damit einhergehenden rassistischen Attribute innerhalb Ihrer Institution abbauen?


Liebe Kulturinstitutionen, Museen, Kunsträume, Galerien und Off-Spaces in der Schweiz,


Nach den brutalen Ermordungen von Breonna Taylor, Tony McDade, George Floyd, Ahmaud Arbery, David McAtee und unzähligen weiteren Schwarzen Menschen durch die Polizei in den letzten Wochen in den USA erleben wir derzeit eine weltweite Welle der Empörung. Letzten Dienstag beschlossen viele Institutionen und Einzelpersonen ein schwarzes Quadrat oder andere vergleichbare Solidarität signalisierende Posts auf Ihren sozialen Medien zu verbreiten. Nun möchten wir Sie zu einer tieferen Auseinandersetzung mit antirassistischen Praktiken einladen, damit das schwarze Quadrat nicht bloss ein Akt des performativen Aktivismus bleibt, sondern die Beziehung zwischen Schwarzen Künstler*innen und Kulturschaffenden und Kunstinstitutionen hier in der Schweiz gestärkt wird.


Wir verstehen, dass die Reaktion in erster Linie auf die rassistische Polizeigewalt und den Rassismus gegen Schwarze Menschen in den USA hinweisen sollte, doch müssen wir darauf Aufmerksam machen, dass White Supremacy (weisse Vorherrschaft) ein globales Problem ist. Eines, mit dem auch wir in der Schweiz konfrontiert sind. In den letzten Jahren wurden in Lausanne und Bex mindestens drei Schwarze Männer von der Polizei getötet: Mike Ben Peter, Lamine Fatty and Hervé Mandundu. Keiner ihrer Mörder ist je verurteilt worden, so dass weder diesen Männern noch ihren Familien Gerechtigkeit widerfahren ist. Dabei ist mit Nachdruck darauf hinzuweisen, dass viele Übergriffe aufgrund von Racial Profiling durch die Polizei selten mit einer Anklage gegen die Polizei enden. Die prominentesten Fälle sind die von Mohamed Wa Baile und Wilson A.


Während diese Beispiele auf die extremsten Formen des erlebten Rassismus in der Schweiz verweisen, müssen wir anerkennen, dass der anti-Schwarze Rassismus direkt auf White Supremacy zurückgeführt werden muss. Es ist ein unterdrückendes System von Überzeugungen und diskriminierenden Vorurteilen, das allen Strukturen im Westen innewohnt.


Viele von uns Schwarzen Künstler*innen und Kulturschaffenden, die beruflich in der Schweiz tätig sind, haben im Laufe ihrer Karrieren Rassismus und Diskriminierungen durch kulturelle Institutionen und Organisationen verschiedener Ausmasse erfahren. Bisweilige Versuche, diese Erlebnisse anzusprechen, führten oft zu heftigen Reaktionen wie Drohungen oder Einschüchterung. Einige unter uns erlitten schwere Schäden an ihrem professionellen Ruf. Zu unserem großen Entsetzen haben wir festgestellt, dass diese gewaltsamen Übergriffe nicht abgenommen haben, seit Diversität in den letzten Jahren in der internationalen zeitgenössischen Kunst- und Kulturwelt zu einem gängigen Begriff und erstrebenswerten Standard geworden ist. Es gibt offensichtlich keine Grenzen für Dimensionen, in der sich der Rassismus aufrechterhält, ob es sich nun um die Polizei oder das Kunstmuseum handelt. Entsprechend überrascht es kaum, dass wir besonders frustriert und bestürzt darüber sind, dass dieselben Institutionen heute in den sozialen Medien antirassistische Positionen beanspruchen.


Wir gehen davon aus, dass Sie mit der Platzierung des schwarzen Quadrats oder anderer vergleichbarer Beiträgen der Öffentlichkeit zum Ausdruck bringen wollten, dass sich Ihre Institution nicht an rassistischen Praktiken orientiert. Wir werden nun darauf eingehen: Wir bitten Sie hiermit, wirkliche Verantwortung zu übernehmen und über die Ebene der sozialen Medien hinaus tätig zu werden. Wir bitten Sie, tatsächliche, konkrete Veränderungen umzusetzen und eine führende Rolle einzunehmen, wenn es um antirassistische Praktiken in der Kunst und Kultur der Schweiz geht.


Wir haben eine Reihe von Fragen zusammengestellt, um Ihr Handeln gegen strukturellen Rassismus und White Supremacy in Ihren eigenen Strukturen selbst einzuschätzen und zu hinterfragen. Diese können als Wegweiser dienen, um zu ermitteln, welche Aspekte Ihrer Bemühungen noch mehr Engagement erfordern. Wir bitten Sie daher dringend, sich die Zeit zu nehmen, auf diese Fragen ehrlich zu antworten und alle notwendigen Schritte einzuleiten, um zukünftig jede dieser Fragen positiv beantworten zu können:


Programm, Zusammenarbeit mit Schwarzen* Künstler*innen und Kulturschaffenden:

  1. Wie viele Schwarze Künstler*innen sind in Ihren Galerien, Sammlungen und Programmen, Ihren Residency-Programmen und Stipendien vertreten?

  2. Wie viele Schwarze Künstler*innen und Kulturschaffende laden Sie zur Teilnahme an Ausstellungs- und Veranstaltungsprogrammen ein, die nicht von Themen wie Rassismus, Dekolonialität oder um das Thema des Schwarz-seins handeln?

  3. Entlohnen Sie alle Schwarzen Künstler*innen und Kulturschaffenden, die in Ihrem Programm vertreten sind? Werden sie für ihre Arbeit genauso entlohnt wie ihre weissen Kollegen?

  4. Profitieren Sie von unentgeltlicher Arbeit von Schwarzen Künstler*innen und Kulturschaffenden in Form von Empfehlungen für Programmgestaltung oder Talks oder als Pädagog*innen respektive Berater*innen? Welche Formen der Entschädigung wurden bereits berücksichtigt?

Personal, Organisationsstruktur und Leitung:

  1. Wie viele Schwarze Personen sind in Ihrer Institution angestellt? Wie viele von ihnen sind in kuratorischen Teams, Komitees oder anderen Führungspositionen innerhalb Ihrer Institution? Wie viele von ihnen sind mit unbefristeten Arbeitsverträgen beschäftigt?

  2. Was für politische Positionen haben die einzelnen Mitglieder in Ihren Vorständen, Jurys oder anderen Leitungsgremien? Sind sie bezüglich der Lebensrealität Schwarzer Künstler*innen und Kulturschaffender sensibilisiert? Wie viele von ihnen sind Schwarze Personen?

  3. Gibt es ethischen Richtlinien in ihrer Institution, die Sie darin einschränken, Gelder von privaten Spendern oder Organisationen anzunehmen, die koloniale, rassistische und diskriminierende Praktiken verfolgen und somit der Schwarzen Bevölkerungen direkt oder indirekt Schaden zufügen?

  4. Wie stellen Sie sicher, dass Schwarze Angestellte, Künstler*innen und Kulturschaffende den Raum haben, um Diskriminierungen zu äussern, welche sie während ihrer Arbeit in Ihrer Institution erleben? Wie unterstützen sie Schwarze Personen aktiv und lautstark, welche Diskriminierung innerhalb Ihrer Institution erleben und ansprechen?

  5. Ist Ihre Institution oder Organisation jemals des Rassismus beschuldigt worden? Welche Massnahmen treffen Sie, damit sich die Person, die eine Beschwerde äussert, sicher fühlen kann? Wie verhandeln und dokumentieren Sie Beschwerden öffentlich? Welche Formen der Entschädigung leisten Sie in solchen Fällen?


*Hinsichtlich all dieser Fragen beziehen wir uns in erster Linie auf Schwarze Künstler*innen und Kulturschaffende, die in der Schweiz ansässig oder tätig sind. Als zweiten Schritt können Sie sich die genannten Fragen in Bezug auf internationale Schwarzer Künstler*innen und Kunstschaffenden beantworten.


Diese Fragen sollen Ihnen als Leitfaden für nachhaltige Veränderungen helfen. Wir ermutigen Sie dazu, Ihre Antworten mit Ihrem Publikum öffentlich zu teilen, Zielsetzungen für eine verbesserte Praxis festzulegen und Ihr Engagement, eine fundamental antirassistische Organisation zu werden, regelmäßig zu überprüfen.


Anti-Schwarzer Rassismus ist lediglich eine der repressiven und diskriminierenden Erscheinungsformen der White Supremacy. Xenophobie und Rassismus hat sich in unserer Gesellschaft auch gegen non-Black People of Colour manifestiert. Obgleich sich unser Brief auf die Fragen im Zusammenhang mit dem anti-Schwarzen Rassismus fokussiert, fordern wir, dass entsprechende Schritte unternommen werden, um gegen jegliche Formen der Diskriminierung vorzugehen. Wir appellieren an alle Beteiligten einen intersektionalen Anspruch zu vertreten und die Schnittstellen von Rassismus mit Ableismus, Homophobie, Klassismus, Sexismus und Transphobie anzuerkennen und alle notwendigen Mittel zu ergreifen, um sicherzustellen, dass die zeitgenössische Kunst und Kulturszenen der Schweiz jenseits der öffentlich präsentierten Solidarität und Tugenden nachhaltig an Vielfalt und Inklusivität gewinnt und dementsprechend handelt.


Best,


Alfatih Adji Dieye Akosua Viktoria Adu-Sanyah Ananda Schmidt Ann Kern

Ariane Mawaffo

Brandy Butler

Camille Luce Bibiwango Tomatala

Mark Damon Harvey

Cédric Djedje

Chienne de Garde

Daniska Tampise Klebo

Deborah Joyce Holman

Diane Keumo

Doreen Yomoah

Edwin Arsenio Ramirez Garcia

Emmanuel Mbessé

Evariste Maïga

Fatima Moumouni

Gemma Ushengewe

Ivan Larson

Ivy Monteiro

James Bantone

Jasmine Gregory

Jeremy Nedd

Jessy Razafimandimby

Joshua Amissah

Juline Michel

Kapi Kapinga Grab

Kayije Kagame

Legion Seven

Lucas Erin

Lynn Aineomugisha

Lynne Kouassi

Maïté Chéniere

Marc Asekhame

Marlène Lokosha

Marvin M’toumo

Marilyn Umurungi

Mathias Pfund

Mbene Mwambene

Meloe Gennai

Michelle Akanji

Manutcher Milani

Nayansaku Mufwankolo

Nina Emge

Noémi Michel

Olamiju Fajemisin

Rahel El-Maawi

Ramaya Tegegne

Robin Bervini

Ruth Noemi Bendel

Safi Martin Yé

Sherian Mohammed Forster

Soraya Lutangu (Bonaventure)

Tapiwa Svosve

Tayeb Kendouci

Tina Reden

Tisalie Mombu

Titilayo Adebayo

Tracy September

Yara Laurine Dulac Gisler

Yul Roy Tomatala


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Atelier Mondial Basel

Ausstellungsraum Klingental Basel

A.ROMY

Art Basel

Art Genève

Art-werk Geneva

Body Archive Projects Zürich

Bild Zürich

Cabaret Voltaire Zürich

Centre d’art contemporain Genève

Centre d’édition contemporaine Genève

CAN Centre d’art de Neuchâtel

Centre de la photographie Genève

Centre culturel suisse Paris

Christophe Guye Galerie Zürich

Dampfzentrale Bern

Dr Kuckuckslabrador Basel

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Fabienne Levy Lausanne

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Fri Art Kunsthalle Fribourg

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Galerie Gregor Staiger Zürich

Galerie Maria Bernheim

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Haus Konstruktiv Zürich

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Kunsthalle Zürich

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Kunsthaus Zürich

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Migros Museum Zürich

Mikro Zürich

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Oncurating Space Zurich

Pasquart Biel/Bienne

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Südpol Luzern

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