Kritik an dem Umgang mit dem rassistischen Wandbild im Schulhaus Wylergut

Aktualisiert: 28. Apr. 2021

Bern, 18. Mai 2020


Sehr geehrter Herr Stadtpräsident, Alec von Graffenried,

Sehr geehrte Frau Gemeinderätin, Franziska Teuscher,

Sehr geehrte Frau Annina Zimmermann,


Wir schreiben Ihnen, um unsere grosse Sorge sowie unseren Unmut und Kritik an dem Umgang mit dem rassistischen Wandbild im Schulhaus Wylergut mitzuteilen. Wir bitten Sie, die zeitliche Verzögerung der Entscheidung wie mit diesem Wandbild umzugehen ist zu nutzen, um eine dezidierte dekolonialisierende anti-rassistische Haltung zu festigen und in diesem Sinne den weiteren Prozess zu gestalten.


Im Rahmen der Förderung einer diskriminierungskritischen Gesellschaft und der Beachtung der Menschenwürde und dem Recht auf Diskriminierungsfreiheit marginalisierter Gruppen, ist dieses Wandbild zu entfernen. Der Entfernungsprozess selbst soll rasch vollzogen und gleichzeitig zur Sensibilisierung einer rassismuskritischen Gesellschaft genutzt und von Menschen mit ausgewiesener Expertise begleitet werden.


Wie Sie wissen, handelt es sich bei dem Bild um ein Alphabet, welches Darstellungen von Tieren und deren jeweilige Anfangsbuchstaben umfasst. Bei drei Buchstaben sind keine Tiere, sondern die Stereotypisierung von nicht-weissen Menschen zu sehen. Hierbei handelt es sich um die Buchstaben C, I und N. Dabei nehmen die Buchstaben Bezug auf eine zugeschriebene nicht-europäische Herkunft und bedienen sich kolonial-rassistischer Begrifflichkeiten und Bilder. Dabei gehören zwei der Begriffe (I und N) einer gewaltvollen Geschichte der Ausrottung indigener Bevölkerungsgruppen, der Versklavung und kolonialen Ausbeutung von Menschen afrikanischer Herkunft und der damit einhergehenden systematischen Entmenschlichung an. Das Wandbild befördert zudem explizit die „Animalisierung“ (Entmenschlichung durch Einordnung als „Tiere“) besagter Gruppen.


Das Wandbild ist rassistischer Ausdruck seiner Zeit und kann als solches diskutiert werden, jedoch nicht in einer Schule! An einem Lernort für Kinder ist ein solches Wandbild besonders unangebracht, denn es lehrt, festigt und reproduziert bestehende rassifzierte Ungleichheiten und Stereotype. In der Rassismusforschung wird die Reproduktion von Rassismus, der auf den europäischen Kolonialismus zurückgeht, bereits seit Jahrzehnten auch mit Bezug auf mediale Diskurse, öffentliche Bilder und Sprache analysiert. Dabei wird betont, dass solche Bilder und mediale Repräsentationen auf gesellschaftliche Vorstellungen sowie Handlungen einwirken und sie festigen. Die diskriminierungskritische Erziehungswissenschaft und Pädagogik stellt seit langem fest, dass rassistische und diskriminierende Stereotype die diversitätssensible Bildung von Kindern und Jugendlichen torpediert. Insbesondere Kinder of Color aber auch weisse Kinder sollen von solchen Darstellungen geschützt werden, um solche rassistischen Perspektiven und Begriffe nicht über Generationen hinweg weiter zu geben. Im Falle der drei menschlichen Figuren, die das Wandbild zeigt, ist besonders problematisch, dass diese bis heute – z.B. im Kontext der Fasnacht, aber auch in Kinderbüchern und Comics – immer wieder Verwendung finden. Im Kontext einer solchen rassistischen Alltagskultur wird Kindern bis heute ein kolonialer Blick auf rassifizierte Menschen beigebracht, den sie in ihrer Schule bestätigt finden, und der sie auf unterschiedliche (gewaltvolle) Weise in der Selbstwahrnehmung sowie im Umgang mit anderen Menschen prägt. Wir erachten das als ein grosses Unrecht.


Die Ausschreibung der Stadt Bern zum Umgang mit Kulturerbe aus der Kolonialzeit, die das Wandbild zum Gegenstand hat, hätte dies unseres Erachtens ausdrücklich als Ziel kommunizieren sollen. Gerade auch angesichts der UN-Dekade für Menschen Afrikanischer Herkunft (2015-2024) soll die Stadt Bern jetzt diese Möglichkeit nutzen, ein explizites Zeichen gegen Rassismus zu setzen und das gesamte Wandbild sofort entfernen.


Deshalb appellieren wir an Sie, als politische Entscheidungsträger*innen, eine klare dekolonialiserende Lösung anzustreben und die Kommission entsprechend zu beauftragen.


Mit freundlichen Grüssen,


Mohamed Wa Baile,

Bibliothekar an der Universität Bern,

Mitbegründer der Allianz gegen Racial Profiling


Vanessa Eileen Thompson,

Soziologin, forscht und lehrt an der Goethe-Universität Frankfurt, aktiv bei copwatch_ffm


Rahel El-Maawi, Soziokulturelle Animatorin, Lehrbeauftragte und Bewegungsforscherin, Mitgründerin von Bla*Sh


Halua Pinto de Magalhães,

Postdoktorand am Institut für Umweltphysik an der Uni Heidelberg, Mitgründer des Berner Rassismus Stammtisch


Pascale Altenburger,

Kindergärtnerin, Tänzerin, Sozialanthropologin und Theaterwissenschaftlerin


Izabel Barros,

Historikerin, Mitentwicklerin und Führerin der Stadtrundgang «Auf den Spuren des Kolonialismus in Bern»


Ntando Cele,

Schauspielerin, Sängerin und Performerin


Serena O. Dankwa,

Sozialanthropologin, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule der FHNW


Nelly Fonje, Gymnasiallehrerin für Englisch, Pädagogik und Psychologie


Dshamilja Gosteli,

Sekundarlehrerin, Mitglied „Kollektiv Kritisches Weisssein Bern“ und Musikerin


Simone Marti,

Sozialanthropologin, Migrant Solidarity Newtork


Patricia Purtschert,

Professorin für Geschlechterforschung und Co-Leiterin des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung an der Universität Bern


Sarah Schilliger,

Soziologin, Postdoktorandin am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung der Universität Bern


Jovita dos Santos Pinto,

Kulturwissenschaftlerin am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung der Universität Bern


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