Schwarze Schweiz Online Archiv (SSOA)

​1. Ausgangslage:

 

Wir alle identifizieren uns damit, was wir sehen und hören, und wir alle brauchen Vorbilder und Inspiration. Was heisst das für Kinder, die Bücher lesen, Filmen schauen und Bilder sehen, in denen sie sich nicht wiedererkennen können? Die fehlende Repräsentation, welche Schwarze Kinder gegenüberstehen, ist gesellschaftspolitisch problematisch, weil sie diese ausschliesst. Denn durch fehlende Repräsentation wird die Existenz von Schwarzen Menschen nicht als aktiver Teil der Schweiz mitgedacht. Viele Eltern von Schwarzen Kindern fragen sich, welche Bücher und Filme sie ihren Kindern zeigen können, um ihre Phantasie zu stimulieren, sie anzuspornen oder einfach Identifikationsmöglichkeiten zu bieten. Die wenigen Bücher, die Schwarze Charaktere beinhalten, reproduzieren meistens Stereotype und rassistische Zuschreibungen. Einige der wenigen deutschsprachigen Werke, die Schwarzen Kinder Hauptrollen geben, sind zudem nicht leicht zu finden.

Auch Schwarze Erwachsene verspüren ein grosses Bedürfnis danach, sich untereinander auszutauschen. Sie schauen regelmässig in den Bücherregalen oder Mediatheken ihrer Freunde nach neuen Werken oder suchen nach Tipps oder Infos auf Social Media. Denn Bücher Schwarzer Autor*innen sind z.B. eher selten in Bibliotheken zu finden oder werden nur wenig beworben oder gefördert. Ein solcher Schwarzer Autor und Künstler war Vincent O. Carter (1924-1983), der ab Mitte der 1950er-Jahre in der Stadt Bern lebte und ein Buch über seine Erfahrungen, «The Bern Book», geschrieben hatte. Die Frage ist allerdings, warum er nicht anerkannt und seine Werke kaum beachtet wurde und das Interesse von etablierten Institutionen wie den Universitäten und Sammlungen weiterhin klein ist, etwas daran zu ändern.

Spätestens mit den Protesten von Black Lives Matter in der Schweiz ist klar geworden, dass die Schweiz die Geschichte Schwarzer Menschen verdrängt. Wir leben in einem Land, das erst langsam beginnt, seiner Verstrickung in die Sklaverei bewusst zu werden und strukturellen Rassismus anzugehen. Gleichzeitig ist auch klar geworden, dass sowohl die Schwarzen Communities und wachsende Teile der Gesamtbevölkerung dies ändern wollen. Es gibt spannende Initiativen, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Schwarzer Menschen in der Schweiz sichtbar machen: so etwa das Buch «Schwarze Frauen in Biel», das Stimmen, Biographien, Denkweisen, Perspektiven und Lebenswelten von Schwarzen Frauen sichtbar macht; oder die Website «histnoire.ch», auf der die Historikerin Jovita dos Santos Pinto ein Stück »Black History« von Schwarzen*Frauen in der Schweiz dokumentiert.

Es gibt jedoch keine schweizweite Plattform, um in der Schweiz nach solchen kulturellen, medialen oder wissenschaftlichen Ressourcen zu suchen, die eine Möglichkeit bieten, sich mit Schwarzen Lebensrealitäten zu identifizieren und über mehr darüber zu erfahren.

 

Wir geben uns nicht damit zufrieden, Erzählungen von nicht-Schwarzen Menschen als Mainstream zu akzeptieren. Wir haben die Mittel, um uns selbst sichtbar und unsere Narrative hörbar zu machen. Dieser Wunsch nach Teilhabe, Diversität und Selbstrepräsentation entspricht den erklärten Zielen der Kulturbotschaft des Bundes 2016-2020, welche die kulturelle Teilhabe aller in der Schweiz lebenden Menschen anstrebt. Dies bezweckt, die „Auseinandersetzung mit Kultur und die kulturelle Betätigung möglichst vieler zu fördern sowie Hindernisse zur Teilhabe am kulturellen Leben abzubauen“ sowie „den Wissensaustausch, die Vernetzung und die Koordination der Akteure zu stärken“.

Hier setzt das SSOA Projekt an:

  • Empowerment und Aufrechterhaltung eines Netzwerks Schwarzer Menschen
     

  • Archivierung von Schwarzen Werken, Wissensbeständen, Unternehmen und Geschichten Schwarzer Menschen in der Schweiz
     

  • Online-Archiv für alle Personen, die sich für Schwarze Menschen und ihre Arbeit interessieren.
     

  • Um-Lern-Prozess, damit Werke Schwarze Menschen und deren Erzählungen normalisiert und auch im Mainstream wahrgenommen werden.

 

2. Grundidee und Ziele:

SSOA ist ein Community-basiertes Bildungs- und Empowerment-Projekt in der Schweiz. Das vorliegende Projekt entwickelt zu diesem Zweck eine Online-Plattform, die Schwarze Stimmen in Kinderbüchern, in Schulmaterialien, in Medien und Filmen sowie literarische, künstlerische, und wissenschaftliche Werke Schwarzer Menschen in der Schweiz archiviert und zugänglich macht.

Das SSOA ist dabei das einzige Online-Archiv, das sich ausschliesslich der Dokumentation und Vermittlung des Lebens, der Geschichte und der Kultur Schwarzer Menschen in der Schweiz widmet. Damit wird das bestehende Wissen innerhalb der Gemeinschaften Schwarzer Menschen weitergeben und niederschwellig unter Ihnen und der breiten, interessierten Bevölkerung zugänglich gemacht.

Namentlich sollen auch weitere Angebote, wie Haarsalons, Restaurants, Events und Kollektive präsentiert  werden, die auch Teil einer öffentlichen Kultur darstellen. Insgesamt werden dadurch Geschichten, Erfahrungen, Bilder und Ressourcen von Schwarzen Menschen für Schwarze Menschen sowie für eine interessierte Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

SSOA heisst alle willkommen, die über kulturelle Ressourcen, Lebensrealitäten, Netzwerke und Unternehmen Schwarzer Menschen mehr erfahren möchten.

 

3. Umsetzung:

  • Infrastruktur: SSOA ist im Kern eine Datenbank, in der Werke Schwarzer Menschen in den Bereichen Politik, Kultur, Literatur und Lifestyle thematisch abgedeckt werden, sowie Biografien Schwarzer Menschen in der Schweiz präsentiert werden. Diese wird auf einer Website und via Social Media zugänglich gemacht.
     

  • Korpus: Ein interdisziplinäres Kernteam baut Datenbank und Online-Präsenz auf. Es recherchiert Einträge und Beiträge, die auf dem Portal SSOA archiviert werden und entwickelt öffentlichkeitswirksame Formate zur Darstellung.
     

  • Online-Partizipation: Gleichzeitig wird eine Community aufgebaut, die aktiv mitwirken soll, Informationen über Bücher, Artikel, Filmen, Firmen und Netzwerke zu liefern. Alle Schwarze Menschen in der Schweiz dürfen einen Eintrag über sich machen und werden mit einem hochauflösenden Bild publiziert.  Diese Informationen sollen über ein Webformular auf der Website SSOA eingegeben werden können.
     

  • Vernetzung: Projekte wie histnoire.ch, Collectif Afro Suisse oder das Institut Neue Schweiz (INES) erzählen eine andere Geschichte der Schweiz. SSOA vernetzt sich mit solchen und weiteren Projekten und möglichst viele Online Ressurcen zu archivieren.

 

4. Organisation:

 

SSOA wird vom Verein SchwarzeSchweiz getragen. Die Idee eine Datenbank, in der Werke Schwarze Menschen in allen Bereichen abgedeckt werden, sowie Angebote von und für Schwarze Menschen präsentiert und zugänglich gemacht werden, entstand im März 2018 an einen Treffen «Schwarze Schweiz: Netzwerke aufbauen». Der Name SchwarzeSchweiz ist dabei in den letzten Jahren im Kontext Schwarzer Widerstandsbewegungen in der Schweiz entstanden. Er steht für Schwarze Kollektive, die strukturell verankerten Rassismus in der Schweiz sichtbar machen und Anti-Schwarzen-Rassismus bekämpfen. «Schwarz» wird grossgeschrieben und signalisiert hier nicht die Bezeichnung einer Hautfarbe, sondern eine politische Selbstzeichnung von «Afrodeszendenz» im Sinne der Definition der Expertengruppe der UNO, die sich mit diesen Fragen auseinandersetzt.

Nach Aufbau des digitalen Archivs wird sich die  SSOA- Community der  Kollaboration für das weitere Sammeln, Erfassen und Teilen von Ressourcen kümmern. Weiter sollen die Beziehungen zwischen Schwarzen Communitys über ein SSOA Forum gestärkt werden. Ab 2022 können wir uns vorstellen, neue Projekte zu entwickeln (z.B. Medienplattform mit eigenem Content) und dazu eine zweite Spendenaktion zu starten.

Das Projekt wird von einem intergenerationalen Team geführt, das sich grösstenteils freiwillig für das Projekt einbringt.

SSOA Community der Kollaboration